Vergessen Sie Videospiele und die Aufnahmen der Bordkameras.

Vergessen Sie Videospiele und die Aufnahmen der Bordkameras. Das ist besser als selber fahren. Der neue McLarenTeamchef Martin Whitmarsh vergleicht: „Unser Simulator ist um den Faktor 100 prziser als die besten PlaystationSpiele.“ Obwohl man nur danebensteht, ist man mittendrin. Die brutale Beschleunigung, die aberwitzigen Kurvengeschwindigkeiten, das kurveninnere Rad, das beim Bremsen immer an der Grenze zum Blockieren ist, das Heck des Autos, das bei jedem Einlenkmanver leicht nach auen drngt endlich lsst sich erahnen, was im Cockpit wirklich abgeht.

Jede Leitplanke, jede Reifenspur auf den Randsteinen stimmt bis ins Detail. „Lewis Hamilton legt besonderen Wert auf absolute Realittsnhe“, erklrt McLarenGeschftsfhrer Jonathan Neale. „Einmal ist ihm aufgefallen, dass wir in Silverstone einen alten Unterstand fr die Streckenposten am Pistenrand vergessen hatten.“

Der Beobachter wird nicht nur optisch in die Welt des Formel 1Piloten entrckt. Auch die Begleitmusik stimmt. Der virtuelle MercedesV8 grummelt wie der echte dumpf vor sich hin. Wenn McLarens Edeltester ber die Randsteine rattert, gibt das ein hssliches Gerusch, das durch Mark und Bein geht. Wenn er die Bodenwelle in der Mitte der Zielgeraden trifft, greift man sich unwillkrlich ins Kreuz. Pedro de la Rosa kennt das Trockentraining seit 2003. „Am Anfang wurde mir nach zehn Runden schlecht“, erinnert er sich.

Auch sein ExKollege Alexander Wurz litt lange unter Seekrankheit. Kimi Rikknen blieb bis zum Schluss skeptisch. Im gleichen Mae wie der Simulator immer ausgereifter wurde, besserte sich auch das Wohlbefinden seiner Passagiere. Frher mussten die Fahrer gebeten werden, ihn zu nutzen. Heute fragen Hamilton und Kovalainen: „Wann drfen wir rein?“

Der aktuell McLarenSimulator ist schon die fnfte Generation. „Heute habe ich nur noch Kopfweh, wenn ich 140 Runden am Tag drehe“, verrt de la Rosa. Das liegt an der hohen Konzentration, die vom Fahrer gefordert ist. „Die Fliehkrfte merke ich nur beim Einlenken, aber nicht ber die gesamte Zeit, die ich in einer Kurve verbringe.“ Noch extremer ist es beim Bremsen. Der Rundhorizont suggeriert fnf g Verzgerung, aber der Krper sprt sie nicht. „Kopf und Auge sind nicht in Einklang. Anfangs war es ein Werkzeug, mit dem die Fahrer schneller neue Strecken lernen konnten. Heute wird in dem HochsicherheitsKino die BasisAbstimmung fr das nchste Rennen ausgetftelt, und die Designer beziehen es in ihre Arbeit mit ein. 70 Prozent der Entwicklung basieren mittlerweile auf computergesttzter Simulation. 2003 waren es noch 30 Prozent. „Wir knnen im Handumdrehen fnf verschiedene Aufhngungsgeometrien probieren“, sagt Neale.

Was an der Strecke Stunden dauert, geht in der Computerwelt auf Knopfdruck. Mehr Radsturz, ein neues Motorkennfeld, eine andere Gewichtsverteilung alles nur einen Mausklick entfernt. De la Rosa beteuert: „Die Simulation ist so gut, dass ich ein Grad mehr oder weniger Frontflgel im Fahrverhalten spre.“ Jonathan Neale sagt: „Dieses Werkzeug hlt uns davon ab, beim Design Fehler zu machen, die spter korrigiert werden mssten.“ Das spart Zeit und unter dem Strich auch Geld.

Damit die Stellmotoren das McLarenChassis samt Fahrer so in alle Richtungen bewegen, wie es in Wirklichkeit auch passieren wrde, muss die Fahrdynamik in Daten bersetzt werden. Motor, Fahrwerk und Aerodynamik, alles ist auch in der Welt der Zahlen interaktiv. Der grte Unsicherheitsfaktor sind die Reifen. „Es ist kompliziert, die Phnomene des Reifens exakt zu berechnen“, gibt Neale zu. Der Aufwand, eine neue Strecke zu programmieren, ist enorm. McLaren investiert dafr zwei Monate. Das Gerst liefern die Kurvenradien, Werte fr Steigungen, Geflle und die Neigung der Strae, die der Veranstalter liefert. Dann wird jeder Millimeter der Piste mit einem Laser abgetastet. Filmaufnahmen aus der Sicht des Fahrers liefern den knstlichen Horizont in hchster Auflsung.

Nur eines kann der Simulator noch nicht: „Wir haben kein Rechenmodell fr die Konkurrenz“, bedauert Neale. „Deshalb knnen wir uns immer nur mit uns selbst vergleichen.“ De la Rosa htte einen weiteren Verbesserungsvorschlag: „Mir fehlen die Grid girls.“

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